ERNESTO alias ERNST – Der Langstreckenkämpfer
Dokumentarfilmprojekt von Martin Keßler


2003 treffen wir den damals 86 jährigen Ernesto Kroch und seine 74 jährige Lebensgefährtin Eva Weil zum ersten Mal. In Frankfurt. In einer Wohnung Nähe Merianplatz, die ihnen ein Freund für einige Wochen überlassen hat. Damit sie ein Dach überm Kopf haben – in ihrer „alten Heimat“ Deutschland. Ein Deutschland, dass den Widerstandskämpfer und Juden Ernesto Kroch nicht nur 1938 zur Flucht nach Lateinamerika gezwungen hat, sondern ihm später auch Zuflucht gewährte. Ende der Siebziger Jahre, als Uruguay im Terror einer Militärdiktatur versank.
Auf dem Weg ins Exil – Jugoslawien 1937 Ernesto Kroch – Montevideo, Frühjahr 2006

Als Kommunist und engagierter Metallgewerkschafter stand Ernesto Kroch auf den Fahndungslisten der Militärs in Montevideo. Da blieb ihm keine andere Wahl als die erneute Flucht. Nach Frankfurt am Main – ins „Exil in der alten Heimat“, wie er sagt. 1985, nach dem Ende der Militärdiktatur, kehrten er und Eva Weil zurück in ihre „neue Heimat“ Montevideo. Seitdem sind sie zu Wanderern zwischen den Welten geworden: Zwei, drei Monate im Jahr Deutschland, die restliche Zeit Südamerika. Trotz ihres hohen Alters mischen sich Ernesto und Eva weiter ein – wie sie es immer getan haben. Ob auf der Sommerakademie der Globalisierungskritiker von attac in Göttingen oder beim Bau eines Kindergartens in ihrem Viertel in Montevideo.

Galionsfigur des Panzerkreuzers „Graf Spee“, ausgestellt in einer Hotellobby in Montevideo (Frühjahr 2006) Ernesto Kroch beim Stadtteilkomitee der „Frente Amplio“ (Montevideo 2006)

Wir haben Ernesto Kroch seit dem ersten Zusammentreffen in Frankfurt öfter getroffen und vieles davon mit der miniDV-Kamera festgehalten, damit es nicht verloren geht. Lange Gespräche über seine Jugend in Deutschland, den Widerstand gegen die Nazis. Wie er nachts in Breslau Anti-Nazi-Zettel an die Häuserwände geklebt hat, wie er verhaftet wurde und ins KZ kam. Ernesto Kroch hat uns in Montevideo zu jenem Kai im Hafen geführt, an dem sein Schiff im Jahre 1938 anlegte. Er hat uns zu Freunden ins Arme-Leute-Viertel „barrio sur“ mitgenommen, denen er in den fünfziger Jahren half, die ersten Sozialwohnungen Montevideos zu errichten.

Ernesto Kroch im Asentamiento „Cervando Gomez“ (Montevideo, Frühjahr 2006)

Jahrzehntelang hat Ernesto Kroch für einen politischen und gesellschaftlichen Wandel in Uruguay gestritten. Jetzt ist die Linke in dem südamerikanischen Land an der Macht. Ernesto Kroch und Eva Weil haben uns die ersten Veränderungen gezeigt. Durch sie haben wir die Armenküchen aber auch die Reichenviertel von Montevideo kennen gelernt – und viel darüber erfahren, was die Verhältnisse in Lateinamerika mit denen in Europa zu tun haben.

Ernesto Kroch und Eva Weil am Strand (Uruguay, Frühjahr 2006) Ernesto Kroch und Eva Weil auf dem 1. Deutschen Sozialforum (Erfurt, 2005)

Der Film ERNESTO alias ERNST ist als Mischung aus Reportage und Biographie konzipiert. Ein Film, in dem sich Erfahrungen aus Nazi-Deutschland mit der sozialen Realität Südamerikas oder Eindrücken vom heutigen Deutschland mischen, Reflexionen über Geschichte mit Erkenntnissen über die Globalisierung. Dabei entsteht ein ganz eigener Blick – auf die Möglichkeiten und Erfahrungen mit Widerstand und Anpassung, langem Atem und Niederlagen, gesellschaftlichem und politischem Engagement. Zu Zeiten des deutschen Faschismus, einer südamerikanischen Militärdiktatur oder im Zeitalter der sogenannten Globalisierung. Ein Film so ungewöhnlich wie das Leben von Ernesto Kroch und seiner Lebensgefährtin Eva Weil.

Eine Autobiografie Ernesto Krochs gibt es unter dem Titel "Exil in der Heimat – Heim ins Exil" im Verlag Assoziation A, Berlin, unter Tel. 040.80609208, eMail: assoziation-a@t-online.de, www.assoziation-a.de

>> mehr zu Ernesto Kroch... (Ernesto_Kroch_Expose_2008.pdf, 280 KB)
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