02. November 2017 „Saarbrücker Zeitung“
Politik
„Das wird zu Revolten, zu Aufständen führen.“
Saarbrücken. Der Journalist und Regisseur über seine Deutschland-Doku „Reise in den Herbst“, die er heute in Saarbrücken vorstellt.

Wohin steuert Deutschland? Der Journalist und Regisseur Martin Keßler (63) hat für seinen Film „Reise in den Herbst – alles wie gehabt oder Zeitenwende?“ Deutschland 2017 bereist: Er war beim Treffen der Rechtspolitiker in Koblenz, beim G20-Gipfel in Hamburg, bei der Beerdigung Helmut Kohls in Speyer und bei der Wahlparty der AfD am Tag der Bundestagswahl. Heute Abend stellt Keßler seinen Film in Saarbrücken vor.

Ihr Film fragt im Titel „Alles wie gehabt oder Zeitenwende?“ – der Film lässt eher Letzteres vermuten, oder?

KESSLER Ja, in jedem Fall. In dem Langzeitprojekt „Neue Wut“ beschäftige ich mich seit elf Jahren, als der Widerstand gegen die Agenda 2010 begann, mit sozialen Protestbewegungen. Ich habe mich gefragt: Geht dieser Protest jetzt nach rechts? Es ist ja nicht nur ein deutsches Phänomen, mit Trump, mit dem Brexit. Da wollte ich schauen, wohin das in diesem Wahljahr führt. Ich bin nach Koblenz zu dem Treffen der europäischen Rechtspopulisten gefahren – so fing der Film an. Ich würde durchaus von einer Zeitenwende sprechen, von einem Rechtsruck, der auch das bisherige parlamentarische System in Frage stellt – auch wenn gerade in den letzten Monaten vor der Wahl versucht wurde, das wohlige Gefühl zu vermitteln, dass alles so bleiben kann wie es ist, dass alles gut läuft.

Dieses Gefühl teilen offensichtlich nicht alle Wähler.

KESSLER Nein, der Einzug der AfD in den Bundestag hat klargemacht, dass sich nicht nur im Parteienspektrum etwas ändert, sondern insgesamt in der Politik – ähnlich wie es damals beim Entstehen der Linkspartei war, die ja auch keine Eintagsfliege war.

Sie glauben nicht, dass die AfD bald wieder verschwindet?

KESSLER Nein. Ich glaube und fürchte, dass sich die Partei nachhaltig etabliert und sich ein neues rechtes elitäres Denken entwickelt, das auch für bürgerliche Kreise noch unbedenklicher und salonfähiger wird. Da kommen Dinge wieder hoch, von denen man hoffte, dass sie nie wiederkommen: das Nationalistische, das Männerbündische, das Völkische. Vielleicht setzt ja ein Schrumpfungsprozess ein, wenn sich die Protestwähler abwenden, aber ganz weg vom Fenster wird die Partei nicht sein. Untersuchungen besagen, dass auch viele Bürgerliche die AfD wählen, weil sie ihren Status gefährdet sehen: durch eine Wirtschaft, die etwa durch Digitalisierung und Globalisierung immer unüberschaubarer wird. Es sind nicht nur die sogenannten Abgehängten, die die AfD wählen.

Der Armutsforscher Christoph Butterwegge, der Bundespräsidentenkandidat der Linken, sagt im Film, man könne rechte Strömungen am besten durch soziale Gerechtigkeit bekämpfen.

KESSLER Ja, das sagt auch Siemens-Vorstand Joe Kaeser. Eine Art Grundeinkommen müsste die Menschen absichern bei diesen Verwerfungen, bei dieser industriellen Revolution, die die Digitalisierung ja ist. Der Ruck nach Rechts hat damit zu tun, dass wir den Wohlstandszuwachs nicht gerecht verteilt haben. Verteilungsgerechtigkeit ist die zentrale Frage. Knapp 20 Prozent der Bevölkerung muss mit Niedriglohn auskommen, es gibt eine Wohnungsnot, absurd steigende Mieten – wenn dann Migranten kommen, haben viele Leute Angst, dass sie teilen müssen, obwohl es ihnen selbst schon schlecht geht. Siemens baut gerade 1000 Stellen im Osten ab, und die Opel-Übernahme durch PSA wird auch zu Entlassungen führen. Das wird noch eine ganz andere Dimension annehmen.

Der Soziologe Jean Ziegler, der dem Menschenrechtsrat der UN angehört, spricht im Film vom „Endkampf des Klassenkampfes“.

KESSLER In der Formulierung finde ich das übertrieben, ich würde seine Hauptkritik aber teilen, dass wir in einer „kannibalischen Weltordnung“ leben, in einem Finanzfeudalismus, der dazu führt, dass viele Millionen hungern oder verhungern, während andere den Hals nicht vollkriegen können. Das stimmt natürlich. Wir haben mit unserem deutschen Exportmodell ja auch Anteil daran. Wenn es nicht geändert wird, ist die liberale Demokratie in Gefahr. Denn solch eine kannibalische Weltordung kann man nur mit autoritären Mitteln aufrechterhalten. Das zeigt auch der größte Polizeinsatz in der deutschen Geschichte gegen die Proteste beim G20-Gipfel in Hamburg.

Ihr Film kommentiert wenig, aber dass Sie die Musik vom Trauermarsch bei Helmut Kohls Beerdigung mit den Bildern des Polizeiaufmarschs in Hamburg verbinden, ist schon auffällig.

KESSLER Ich will illustrieren, dass die offene, liberale demokratische Gesellschaft in Gefahr ist, was man auch in Polen, in Ungarn, in den USA sieht. Wenn man nicht wieder mehr soziale Gerechtigkeit etabliert, drängen sich autoritäre Lösungen auf, weil man den Laden sonst nicht mehr unter Kontrolle behält. Denn es tun sich massive Bruchstellen auf – zum Beispiel zwischen dem Wunsch, den konsumistischen Lebensstil fortzusetzen und dem massiven Verlust von Arbeitsplätzen infolge der Digitalisierung. Oder eine immer dramatischere Umweltzerstörung als Folge unseres Wirtschaftens. Bei einem Teil der Bevölkerung wird das zu massiven Wohlstandsverlusten führen. Und einen kleinen Teil noch reicher machen. Auf Dauer werden sich die Menschen das nicht gefallen lassen. Das zeigt die bisherige Geschichte. Das wird zu Revolten, Aufständen führen.

Der Tod Helmut Kohls hat im Film fast eine symbolische Bedeutung. Ob man ihn nun sehr schätzte oder weniger – er verkörperte eine Form von beruhigender Verlässlichkeit, nach der sich viele sehnen.

KESSLER Kohl war für mich ein Symbol des so genannten „rheinischen Kapitalismus“ – ein Kapitalismus, der auf sozialen Ausgleich ausgerichtet ist. Da gab es zum Beispiel noch eine Vermögenssteuer, und der Spitzensatz in der Einkommenssteuer lag bei 53 Prozent statt bei heute 42 Prozent. Das waren Zeiten, in denen der Wind der Globalisierung nicht ganz so rau geweht hat wie heute und die Gesellschaft sozial nicht so gespalten war. Teile dieses „rheinischen Kapitalismus“ funktionieren in unserem alten gewachsenen System noch – viele Industriearbeiter etwa bekommen noch einen guten Lohn, aber andere fallen durch das Raster, da wird es prekär – da gehöre ich als Regisseur, der solche Filme macht, durchaus dazu. Es trifft viele Menschen, man sieht in Frankfurt viele teure Geländewagen und gleichzeitig immer mehr Leute, die in Mülleimern wühlen. Da kann man nicht so tun, als würde dieser rheinische Kapitalismus noch für alle gelten. Das ist der Betrug.

Auch ein AfD-Politiker könnte sich Ihren Film anschauen, ohne dass er anschließend von „Lügenpresse“ reden oder in die beliebte Opferrolle flüchten könnte. Sie kommentieren nicht, lassen auch André Poggenburg von der AfD über „Genderwahnsinn“ und über angeblichen Linksextremismus in der Gesellschaft reden – vertrauen Sie auf ein mündiges Publikum?

KESSLER Natürlich. Das ist auch der richtige Weg, wie man jetzt mit der AfD umgehen sollte – mit den Leuten diskutieren, vor allem mit deren Wählerschaft. Sie nur zu Parias zu machen und zu stigmatisieren, wird nicht weiterhelfen.

Wo war es Ihnen bei den Dreh­arbeiten mulmiger? In Koblenz bei Marine Le Pen, Geert Wilders und Frauke Petry oder bei der AfD-Wahlparty und Gaulands Jagd­aufruf auf die neue Regierung?

KESSLER Ich fand beides etwas befremdlich. Was ich aber als bedrohlich empfand, war, wie bei der AfD-Party das Deutschlandlied geradezu gegrölt wurde, da kommt wieder so etwas aggressiv Männerbündisches hoch. Was als Tendenz aber allgemein auffällt, ist die Inszenierung von Politik. In Koblenz wurde mit theatralischer Musik aufmarschiert – genauso wie beim Einzug von Martin Schulz beim SPD-Parteitag, wo er dann mit 100 Prozent gekrönt worden ist. Das sind Inszenierungen, die die Leute für dumm verkaufen wollen, manchmal mit Erfolg. Im Film taucht ja mehrmals ein SPD-Mann auf, der sagt „Umfragen interessieren nicht, wir werden gewinnen!“. Das ist eine Art von Realitätsverweigerung, von magischem Denken. Werbeagenturen, die sich normalerweise um Waschmittel kümmern, werben jetzt für eine Partei. So ist dann auch der politische Diskurs. Und das finde ich für die Demokratie bedrohlicher als irgendein Aufmarsch mit Fahnen, wo sofort klar ist, dass das nur Show ist.

Der AfD-Politiker André Poggenburg sagt im Film „AfD wirkt“ – sehen sie das so?

KESSLER Ja, die AfD hat in der Flüchtlingsfrage die anderen Parteien vor sich hergetrieben. Es ist ein schleichender Prozess, dass eine Gesellschaft nach rechts rückt, ohne dass man das deutlich wahrnimmt, weil das Allerschlimmste dann eben doch nicht eintritt. Anfang des Jahres fürchtete man, dass Marine Le Pen und Geert Wilders an die Macht kommen – im Endeffekt haben sie das nicht geschafft, aber dennoch den Diskurs in ihren Ländern nach rechts verschoben. Der Rechtspopulismus ist nicht an uns vorübergegangen, da darf man auch nicht nur auf eine Partei wie die AfD schauen, man muss das gesamteuropäisch sehen. Siehe Österreich ganz aktuell.

Ihr Film ist mit 140 Minuten ungewöhnlich lang – und damit im heutigen Fernsehen nicht zeigbar.

KESSLER Die Räume für Formate, die Inhalte länger und komplexer erklären wollen, sind deutlich enger geworden. Das sehe ich durchaus als Teil einer Entwicklung bei den Medien, in der es vor allem um Aktualität, Hypes und um kurze Formate geht. Das lässt im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen immer mehr einen Verlautbarungs- und Skandaljournalismus hochkommen. Für Analytischeres gibt es immer weniger Platz. Lieber bietet man in den vielen Talkshows Politikern eine immer größere Fläche, um sich öffentlich zu inszenieren. So etwas, was wir machen, wird immer seltener.

Das Gespräch führte Tobias Keßler.

Heute Abend läuft der Film ab 18.30 Uhr im Großen Saal der Arbeitskammer des Saarlandes (Fritz-Dobisch-Straße 6-8, Saarbrücken). Danach Diskussion mit dem Regisseur. Der Eintritt ist frei.
Informationen: www.arbeitskammer.de und www.neuewut.de.
Journalist und Filmemacher Martin Keßler.

Journalist und Filmemacher Martin Keßler. FOTO: Martin Keßler
Es wehen die Fahnen: Der Kongress der rechtspopulistischen ENF-Fraktion am 21. Januar in Koblenz: mit Frauke Petry (l-r), Marine Le Pen, Matteo Salvini, Geert Wilders, Harald Vilimsky und Marcus Pretzell.

Es wehen die Fahnen: Der Kongress der rechtspopulistischen ENF-Fraktion am 21. Januar in Koblenz: mit Frauke Petry (l-r), Marine Le Pen, Matteo Salvini, Geert Wilders, Harald Vilimsky und Marcus Pretzell. FOTO: Thomas Frey / dpa