Dokumentarfilm (ca. 90 min.) von Martin Keßler
über die Proteste zum G 8-Gipfel in Heiligendamm
Der Hintergrund:

Ganz in der Nähe des kilometerlangen Absperrzaunes um die "Tagungsfestung Heiligendamm" liegt das Protestcamp "Reddelich" – eins von drei Camps, in dem sich Tausende GolbalisierungskritikerInnen auf Blockaden und andere Protestformen gegen den sogenannten "Weltwirtschaftsgipfel" vorbereiten.

Bereits Wochen zuvor hat die Bundesanwaltschaft mit Hausdurchsuchungen versucht, den Protest durch Terrorismusvorwürfe in Misskredit zu bringen. Trotz dieser Einschüchterungsstrategie kommen ganze Nachbarschaften mit Kind und Kegel in die Camps, um die aus aller Welt angereisten GolbailsierungskritikerInnen zu bestaunen, mit Ihnen zu diskutieren. Über Merkel und den Hunger in Afrika, die eigene Arbeitslosigkeit und  die Globalisierung.
"Mit dem ganzen Wirtschaftssystem läuft was schief", findet ein Mann Anfang Fünfzig. "Doch was können wir dagegen tun?" Gemeinsam mit anderen AnwohnerInnen verfolgt er den gespenstischen Aufmarsch eines polizeilichen Grossaufgebotes vor dem Lidl-Markt in Rostock-Lütten (Klein): AktivistInnen von ver.di, attac und der spanischen Landarbeitergewerkschaft versuchen im Rahmen der G 8-Proteste die Lidl-Kunden aufzurütteln, über schlechte Arbeitsbedingungen in Deutschland und Hungerlöhne auf den Tomatenfeldern Andalusiens zu informieren. Denn dort kultivieren afrikanische Armutsflüchtlinge unter sengender Sonne die Billigtomaten, die Lidl seinen Kunden auch in Rostock offeriert. Doch viele Rostocker Kunden haben selbst keine Arbeit, beziehen Hartz IV. "Vor allem deswegen kaufen wir  hier ein", sagen sie, "obwohl auch wir gegen Billiglöhne und -tomaten sind!".
"Globalisierung anders denken" – darum geht es beim "Alternativgipfel" in der Rostocker Nicolaikirche. Jean Ziegler, Sonderberichterstatter der UN für das Recht auf Nahrung, und die stellvertretende DGB-Vorsitzende Annelie Buntenbach fordern weltweite soziale und arbeitsrechtliche Mindeststandards, eine andere Form der Globalisierung:

Jean Ziegler wirft dem weltweiten "Raubtier- und Finanzkapitalismus" vor, Millionen Kinder zu ermorden, weil er ihnen die im Überfluss vorhandenen Ressourcen für eine ausreichende Ernährung bewußt vorenthält. "Was sind  die Steine von Rostock gegen diese millionenfache alltägliche Gewalt?", fragt er. Und fügt hinzu, Attacken auf Polizei und Sicherheitskräfte seien der falsche Weg in europäischen Demokratien. "Wir müssen  Öffentlichkeit und Bevölkerung gewinnen. Und da sind wir inzwischen erheblich weiter. Deswegen sind die Mächtigen so nervös, versuchen die Bewegung durch Terrorismus- und Gewaltvorwürfe zu diskreditieren und zu spalten!"

Eine Auffassung, die auch Christian Ströbele, der Bundestagsabgeordnete der Grünen, vertritt. Sowohl bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen in Rostock als auch bei den friedlichen Blockaden am Zaun ist er mit seinem Fahrrad zur Stelle. Um das Vorgehen von DemonstrantInnen und Sicherheitskräften zu beobachten.
"Wir sollten uns an Genua erinnern", sagt er in die Mikrophone. Dort hätten staatliche Organe durch Undercover-Agenten gewaltsame Aktionen und Übergriffe mit initiert, die man öffentlich den DemonstrantInnen in die Schuhe geschoben habe. Um von den eigentlichen Inhalten abzulenken und das unangemessene Verhalten des Sicherheitsapparates zu rechtfertigen. "Ich halte sowas auch in Deutschland für möglich", fügt er hinzu, "und fordere eine lückenlose Aufklärung!"
Der Dokumentarfilm neueWUT III – DAS WAR DER GIPFEL! kann und will die Frage nach der Rolle staatlicher undercover-Agenten bei den Protesten in Heiligendamm nicht endgültig beantworten. Auch nicht die vielen Fragen nach Verhalten und Rolle des sogenannten "schwarzen Blocks". Aber er will die Bedeutung dieser Fragen aufzeigen.

Vor allem aber will der Film eine "Chronik der laufenden Ereignisse" liefern, das Geschehen während "der Tage von Rostock und Heiligendamm" nachzeichnen. Das Vorgehen der Sicherheitskräfte und der DemonstrantInnen. Und die vielen Aktionen und Veranstaltungen, in denen es um die Auswirkungen von Globalisierung und weltweiter Privatisierung auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen geht.
Bei alledem wird deutlich werden, dass – trotz aller Differenzen – der Dialog innerhalb und zwischen den globalisierungskritischen und sozialen Bewegungen und mit der Bevölkerung weiter voran kommt, Wirkungen zeigt. Wirkungen, die die weltweiten Kreise und Tafelrunden der Mächtigen in Politik und Wirtschaft stören.

Dass die Angst- und Drohkulisse des Sicherheitsapparates bei  G 8-Treffen  und ähnlichen Ereignissen vor allem dazu dient: die zunehmende Akzeptanz globalisierungskritischer Positionen bei der Bevölkerung zu schwächen, Forderungen nach einem grundlegenden Wandel des weltweiten Finanz- und Wirtschaftssystems zu diskreditieren und  Zwietracht in den Reihen der GlobalisierungskritikerInnen zu sähen. Und, dass der Preis einer weiteren Fortsetzung der neoliberalen Globalierungspolitik – gegen zunehmende Widerstände – eine weitere Einschränkung von Bürgerfreiheiten und sozialen Rechten sein wird. Auch in westeuropäischen Demokratien wie der Bundesrepublik Deutschland.

neueWUT III – DAS WAR DER GIPFEL! setzt die mit neueWUT (90 min, 2005) und KICK IT LIKE FRANKREICH – DER AUFSTAND DER STUDENTEN (95 min, 2006) begonnene Langzeitbeobachtung über soziale Proteste in Deutschland fort. Durch den langem Atem der dokumentarischen Beobachtung (seit 2003) werden längerfristige  Entwicklungen erkennbar. In Bezug auf die Protestbewegung, die gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse sowie das  Verhalten der "Obrigkeit". Im Rahmen einer Trilogie bildet neueWUT III – DAS WAR DER GIPFEL! den vorläufigen Abschluss der ersten Staffel dieser filmischen Langzeitbeobachtung.