Keßler zeigt Film über Amazonas-Staudamm zel/sz Weidenau/Frankfurt. Martin Keßler stellt seine Filme an hunderten Orten, in Kirchen und Kinos in aller Welt vor. Sein Auftritt am Dienstag, 7. September, in der Haardter Kirche ist für ihn allerdings etwas Besonderes: In der Kirche wurde er getauft und konfirmiert. Der gebürtige Weidenauer, der als freier Filmemacher in Frankfurt lebt, zeigt ab 18.30 Uhr auf Einladung des Weltladens Siegen seinen Film „Count Down am Xingu VII“ über den Bau des drittgrößten Staudamms der Welt, „Belo Monte“ in Brasilien, und steht danach eine weitere Stunde im Gemeindehaus für Gespräche zur Verfügung. Im Anschluss findet die Mitgliederversammlung des Weltladens statt. Das Filmprojekt ist eine Langzeitbeobachtung. Kessler hat seit 2009 fast jedes Jahr einen Film über den Stand des Konflikts und die fortscheitende Zerstörung des Amazonas-Urwaldes herausgebracht, mit der indigenen Bevölkerung genauso gesprochen wie mit Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva. Er zeige die Beteiligung deutscher Firmen an dem Staudamm-Projekt ebenso auf wie „mafiöse, kriminelle Strukturen“ und die Verbindung von Bauwirtschaft und Politik in Brasilien, erklärt er im Gespräch mit der SZ. Seinen Film will er nicht als „Agitprop“, sondern als Problemanalyse verstanden wissen, die beide Seiten hört. Gleichwohl bezieht er Position: „Zwölf Jahre diese Nähe zu den betroffenen Protagonisten, da kann man nicht ohne Haltung bleiben.“ Keßler spricht gut Portugiesisch, kennt sich im Land aus. Die Dreharbeiten – er filmt selbst und arbeitet mit einem brasilianischen Tonmann zusammen – sind nicht immer ungefährlich. „Wir wurden z.T. von einem Mitarbeiter des brasilianischen Geheimdienstes beschattet, wie wir im Nachhinein erfahren haben“ Keßler nimmt für sich in Anspruch, durch sein filmisches Langzeit-Projekt das Augenmerk der Öffentlichkeit, deutscher und internationaler Printmedien, auf den Konflikt gelenkt zu haben. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, für das Keßler nach seinem Studium in Marburg und Berlin (Sozialund Wirtschaftsgeschichte und Politik) viel gearbeitet hat (Sozialreportagen etwa für „ARD exklusiv“ oder „Menschen hautnah“ im WDR-Fernsehen, viele Globalisierungsthemen), hat hingegen keinen Sendeplatz für den Film. „Ein Trauerspiel“, urteilt der 67-jährige Dokumentarfilmer. Er sei froh, nicht mehr vom Fernsehen abhängig zu sein. Was er als freier Filmautor alles getan hat und tut, darüber informiert seine Homepage neueWUT.de. Die Finanzierung seines Projekts wurde vor allem mithilfe von Stiftungen realisiert, darunter Misereor, das Hilfswerk der katholischen Kirche (die Amazonas-Synode 2019, der für den Erhalt der Schöpfung engagierte Bischof Dom Erwin Kräutler und nicht zuletzt Papst Franziskus bilden die Klammer des Films), aber auch die Heinrich-BöllStiftung. Das Herz des einstigen Schülersprechers des Weidenauer FürstJohann-Moritz-Gymnasiums und Jungsozialisten schlägt weiterhin links. Mit der vertriebenen indigenen Bevölkerung im Amazonas-Gebiet verbindet den Filmemacher tatsächlich eine eigene Vertriebenen-Geschichte, wie er sagt: Für den Bau der Hüttentalstraße (HTS) wurde die Familie von Boschgotthardshütten auf den Haardter Berg umgesiedelt. Sein Siegerländer Zungenschlag ist nach all den Jahren noch gut wahrnehmbar. Er hat sehr viel zu erzählen. Wer seinen Film sehen und ihm zuhören möchte: Die Filmvorführung am Dienstag in der Haardter Kirche ist öffentlich. Es gilt die 3-G-Regel.
Martin Keßler bei Dreharbeiten in Brasilien. Der aus Weidenau stammende Filmemacher zeigt den Abschlussfilm seines Langzeitprojekts über den Staudamm-Bau im Amazonasgebiet am Dienstag auf Einladung des Weltladens Siegen. Foto: Martin Keßler Filmproduktion